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Wenn man einen Blick in Deine Biographie wirft, fällt auf den ersten Blick auf, dass Du weder aus Berlin kommst, noch eine Schreibschule besucht hast. Fühlst du dich als Exot im Literaturbetrieb?

Ist das eine so ungewöhnliche Vita? Aber es stimmt, ich komme nicht aus Berlin und habe kein Literaturinstitut besucht. Ob ich mich als Exot im Literaturbetrieb fühle? Über solche Begriffe habe ich in meinem Leben bis jetzt vielleicht eine Minute nachgedacht. Für mich spielt das alles keine Rolle, auch wenn sich das jetzt abgewichst anhört, aber es ist doch tatsächlich so: Berlin hin, Institut her – am Ende zählen die Texte, ob die was drin haben, ob die was taugen.

Deine Kurzbiographie ist überhaupt sehr sympathisch und vor allen Dingen authentisch. Warum hast Du Dich dafür entschieden, nichts zu beschönigen?

Danke für das Lob. Ich glaube, es gibt in meinem Leben einfach nichts, was ich beschönigen wollen würde, denn es ist wirklich unspektakulär.  Jedenfalls habe ich keine Leichen im Keller, für die es sich lohnen würde. Und ich lüge nicht gerne.

“Some say the angels are all looking down. I only saw vultures circling around.” – das ist das Motto auf Deiner Homepage und das klingt – um ehrlich zu sein – ziemlich deprimierend. Warum hast du dich genau für diese Textstelle entschieden?

Da habe ich wieder mal den Kulturpessimisten raushängen lassen.  Ist eine Zeile aus einem Song von Ryan Bingham, den ich sehr verehre, und die ich, wenn ich mir die Menschheitsgeschicke so ansehe,  einfach sehr passend finde.

Du schreibst dort auch, dass Du in der rheinländischen Provinz geboren wurdest, inwieweit hat dich deine Herkunft als Schriftsteller geprägt?

Ich bin niemand, der die rheinländische Flagge hochhält und das Regionale propagiert. Ich hasse zum Beispiel Karneval und BAP, bin aber andererseits überzeugter Kölschtrinker und Gerd Köster-Verehrer.  Natürlich ist es schon so, dass einen die Herkunft, die Örtlichkeit mit seinen Traditionen prägt, aber das ist im Grunde pure Oberfläche. Meine Geschichten könnten überall spielen, auch in einer verbotenen Stadt wie Düsseldorf. Viel mehr als die Geografie  hat mich aber der soziale Habitus  geprägt, das Denken und Fühlen der gesellschaftlichen Schicht, der ich entstamme.

Die Protagonisten deiner Stories weisen fast alle eine ähnliche Vita auf wie Du – es sind Männer aus der Provinz, die malochen, saufen und schon die eine oder andere Niederlage erleben mussten. Wie viel von dir steckt in deinen Figuren?

Ich glaube, dass der Leser seinen Anspruch auf Authentizität, wenn er einen hat, beim Lesen meiner Texte selbst überprüfen kann.  Über mich und meine eigenen Texte zu sprechen, fällt mir immer sehr schwer, weil eben alles in den Texten selbst steckt. Nichts ist schlimmer als ein Autor, der seine Werke dem Leser erklären will,  wie genau er was zu verstehen hat. Der Leser ist mündig, der entscheidet für sich selbst.  Die Figuren in den Geschichten übernehmen das,  die beantworten solche Fragen, ich als Autor bin da viel unwichtiger. Glaubt mir doch!

Die Enge der Provinz kann auch als deprimierend empfunden werden, trotzdem bist Du irgendwann wieder in Deine Heimat zurückgekehrt. Warum?

Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil man dann mit den anderen Übriggebliebenen über die besagte „Enge der Provinz“ herziehen kann, und gemeinsam an das Mantra glaubt, das früher sowieso alles besser war?

Deine erste Kurzgeschichte hast Du geschrieben, als Du noch zur Schule gegangen bist. Wie und warum bist du auf die Idee gekommen, nicht nur für dich selbst zu schreiben, sondern damit in die Öffentlichkeit zu gehen und ein richtiges Buch zu veröffentlichen?

Das ist ein Prozess gewesen, jedenfalls bei mir.  Zuerst arbeitest du in der stillen Kammer an Texten, die grottenschlecht sind, dann wirst du ganz langsam besser,  überwindest dich nach dem Konsum von reichlich Alkohol und liest auf Lesebühnen,  die Leute sagen dir danach, dass deine Geschichten nicht der allerletzte Müll sind – und irgendwann fühlt es sich einfach richtig an.

Hast du irgendwann zwischendurch an deinem Schreiben gezweifelt oder gab es da eine Sicherheit, dass es jemanden gibt, der dich hören möchte?

Ich zweifele immer und ganz grundsätzlich an mir und an meinen Texten, und das ist gut so. Es ist ein Gradmesser für die eigene Anforderung an Qualität – wenn ich über jeglichen Zweifel erhaben wäre, würde das meinem Schreiben nicht guttun. Dann wird man faul und träge und beginnt, seinen eigenen Scheiß lobzupreisen und verliert den Fokus, den Biss. Ob mich jemanden hören möchte? Vermessen, das zu bejahen. Es gibt so viele gute, bessere Autoren, die längst vergessen sind, oder nie gehört wurden, weil sie immer nur für die Schublade geschrieben haben oder einfach kein Glück hatten, am Nabel der Zeit vorbei schrieben. Was es gibt, ist ein enger Kreis von Menschen, von denen ich sicher weiß, dass sie mein Schaffen verfolgen und die ich nicht dafür bezahle!

Als ich deine Stories gelesen habe, habe ich an Charles Bukowski denken müssen – hast Du literarische Vorbilder? Welche Autoren liest Du selbst gerne?

Es ist etwas schade, dass immer, wenn jemand über das Trinken oder Arbeiten schreibt, gleich der Name Bukowski fallen muss, da macht man gleich eine Schublade auf und auch schnell wieder zu. Vorbilder habe ich keine, nein. Nicht in dem Sinne jedenfalls, dass ich mich ausschließlich an ihnen orientiere oder versuche, sie zu kopieren. Es gibt Autoren, deren Stil ich außerordentlich beeindruckend finde, wie Robert Olmstead, Leonard Gardner oder Beth Nugent. Man steht auch vielleicht in einer Linie, was das Sujet, den Stoff angeht, das kommt irgendwann, dieses Bewusstsein.  Aber den eigenen Sound, den muss man alleine finden, und das ist harte Arbeit.

Dein erstes Buch „Asche“ erscheint nun digital und steht auch schon seit einigen Monaten in den Buchläden. Was für ein Fazit ziehst du als Debütautor? Ist Schreiben das, was du für immer machen möchtest? Ist Autor dein Wunschberuf?

Ich hätte nicht gedacht, überhaupt eine Resonanz auf das Buch zu bekommen, und deswegen freue ich mich natürlich, dass es auf einigen sehr namhaften Blogs besprochen und nicht total verrissen worden ist, und jetzt sogar in die zweite Auflage geht. Für mich hat sich seitdem aber nicht viel geändert – Reichtum ist nicht ausgebrochen, ich trinke immer noch keinen Weißwein, und vollbusige Groupies, die bei mir vor der Haustür herumlungern, gibt es auch nicht.  Moment, das hatte ich mir eigentlich aber ganz anders vorgestellt!