Die Süddeutsche Zeitung schrieb über Dich, Du hättest ein Faible für das Absonderliche – siehst Du das auch so und woran liegt das? 

Das ist tatsächlich eine schwierige Frage, denn ich selbst empfinde meine Erzählungen nicht absonderlicher als Werke von Richard Brautigan oder Ken Kesey. Absonderlich und abseitig in einer sehr positiven Art und Weise. Aber auch sogenannte Mainstream-Autoren wie Stephen King, Neil Gaiman oder Paul Auster, dessen Romane sicherlich keine Blaupause einer Lebens-Normalität zeigen, berühren grundsätzlich Absonderlichkeiten. Denn eines ist doch sicher,  das Leben ist  kein stringenter Ablauf, sondern eine willkürliche Ansammlung von Geschehnissen. Diese Abbildung fehlt mir zunehmend in der aktuellen deutschen Literatur, deren Plot-Genauigkeit mir den Atem oftmals zum weiterträumen raubt.

Mir persönlich gefällt jener Tanz mit dem Zwielicht sehr, denn meiner Meinung nach benötigt man das Absonderliche zwingend zum Herausschälen der Realität, der Wahrheit innerhalb einer Dichtung. Vermutlich neige ich deshalb immer schon sehr stark zu dieser Art des Erzählens. Mit dem Glauben, dass hinter jeder Geschichte eine andere Geschichte stecken kann, und ich diese Schatten aufzeigen möchte. Schnell wird das aber als absonderlich im negativen Sinn betrachtet, als zu versponnen, zu unklar, zu eigenartig. Als zu schwierig für die Leser, sobald das Thema eines Buches nicht klar umrissen ist. Seitens der Branche gilt dies als Fahrigkeit bezüglich des Schreibens, als ein hilfloses Weitertreiben der Idee. Letztendlich als kaum verkäuflich.

Woher diese Vorliebe kommt ist vermutlich ebenso schwer und einfach zugleich zu erklären. Als Kind der Siebziger wuchs ich mit dem späten RAF-Schrecken auf, mit Film-Experimenten wie Harold und Maude, und eben auch mit verschrobener, eigenartiger  Literatur. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf mit absonderlichen Menschen, die zu jener Zeit in jeder kleinen Stadt zu finden waren. Mit Schreckgespenstern in Dachgebälken und einer sehr eingeschränkten Vision vom Erwachsenwerden.

Leibrand ist eine wunderliche Hauptfigur, er passt nicht richtig in diese Welt, wann ist er in Deinem Kopf entstanden und wie zum zentralen Charakter für Deinen Roman geworden?

Leibrand tauchte plötzlich in einer Kurzgeschichte auf, kurz nachdem sich der österreichische Liedermacher Ludwig Hirsch umgebracht hat. Die Lieder von Hirsch beeinflussen mich seit der Kindheit. Seine dunkelgrauen, oft morbiden Texte haben vermutlich unbewusst meine Schreib-Anfänge bemalt und bemalen sie, wie ich feststellen muss, auch weiterhin. Das Hadern mit dem Leben und das Liebäugeln mit dem Sterben.

Leibrand entzieht sich der Welt und deren Regelwerk ganz bewusst, ist vielmehr auf der Suche nach Herzschlägen und Seelenbildern. Ich wollte von keinem starken Archetyp schreiben, keinem Helden, das liegt mir nicht sonderlich. Für mich viel bewegender ist der Blick auf verlorene Menschen, auf gebrochene Gestalten im Sinne von Hans-Dieter Hüsch. Jene, denen eben nicht alles gelingt, obwohl sie doch alles versuchen. Dieses Motiv beschäftigt mich nach wie vor sehr stark, vermutlich auch durch meine zersplitterte Kindheit. Leibrand ist dadurch auch ein Abbild meiner kindlichen Suche nach Magie, um einen alkoholkranken Vater überstehen zu können. Nun war also Leibrand als Figur vorhanden, im Rahmen einer Short-Story erst grob gezeichnet. In seinem Schatten war damals auch schon Suzanne angelegt. Spätestens als ich herausgefunden habe, dass Leibrand fällt (erst sprichwörtlich, dann in der Realität) offenbarte sich ein weites Spektrum. Eine Umkehr der Realität lag diesbezüglich sehr nahe. Leibrand zeigt uns alles das, was uns als Kind wichtig erschien und was wir im Zuge des Erwachsenwerdens verloren haben. Seine Lebensphilosophie erscheint einfach und schwer zugleich. Die Liebe im Zentrum aller Atemzüge. Zugleich umspannt Leibrand auch alle jene Menschen, die ich beim Sterben begleitet habe. Im Angesicht des Todes offenbart sich eine andere Magie – der Mensch zentralisiert erneut die Wichtigkeit der Individualität. Die ja oftmals im täglichen Leben verloren geht. Die Ziele des Erwachsenwerdens kehren sich in der Situation des Abschieds vom Leben in verpasste Träume der Kindheit um. Leibrand offenbart genau diese Sehnsucht.

Das Cover zeigt das Kettenkarussell, einen sehr wichtigen Bestandteil eines Jahrmarkts – dieser ist Teil einer Schlüsselszene im Roman, der Zirkus kommt in die Stadt, das Kind Leibrand ist verschreckt und verzaubert zugleich. Viele Leser werden sich hier wiederfinden. Was macht für Dich bis heute diese ungebrochene Magie aus, die Zuckerwatte, die Musik, die Lichter? 

Jahrmärkte haben natürlich eine unglaubliche magische Wirkung. Damit meine ich aber vor allem jene Jahrmärkte der kleinen Städte, die immer etwas heruntergekommen wirken. Das Karussell ist schäbig, die Losbude hat schon viel bessere Zeiten gesehen. Sozusagen jene Jahrmärkte, von denen auch Ray Bradbury schreibt oder zeitweise auch Stephen King. Der Zauber existiert vor allem in den Köpfen und den Herzen, das winzige Riesenrad wird zu einem himmelsberührenden Fahrgeschäft. Der Geruch von Zuckerwatte und Mandeln begleiten uns in den Schlaf hinein, färbt die Träume und lässt uns selbst zu magischen Wesen werden. Je älter man wird, desto schwerer fällt uns, diesen Zauber aufzuspüren. An billige Tricks zu glauben, vermutlich weil wir nicht mehr richtig sehen können. Nicht mehr mit jenen Augen, durch die wir als Kind geblickt haben. Dennoch sehnen wir uns danach. Nach einem letzten Tag voller spätsommerlicher Geheimnisse hinter den Buden, nach den Klang einer ganz anderen Musik. Jahrmärkte haben immer etwas mit Kindheit zu tun, vielleicht sogar mit der ersten Liebe, dem ersten Kuss. Berühren Sehnsuchts-Momente nach Unbeschwertheit und dem Gefühl, dass jeder Spätsommer gefüllt sein kann von Grillengesängen. Bradbury kommt dieser Melange sehr nahe, dem Beschreiben dieser unglaublichen Kraft, und dem Wunsch, dass eben manche Tage niemals enden sollten.

Als Schriftsteller passt Du in keine Schublade, es will kaum ein Klischee passen, Du entziehst Dich dem Massenmarkt und lässt lieber Deine Texte für sich selbst sprechen. Beneidest Du andere Autoren manchmal um ihre Marketing- und Starqualitäten? Wie siehst Du den aktuellen Literaturzirkus?

Tatsächlich entziehe ich mich nicht bewusst dem Massen-Markt. Während der Arbeit an Amerika Plakate war mir gar nicht bewusst gewesen, dass ich an etwas schrieb, was schwer einzuordnen ist. Für mich war es einfach jene Geschichte, die ich erzählen wollte, musste. Erst viel später, in der Zeit der Verlagssuche, musste ich feststellen, dass es viel einfacher für den Verkauf gewesen wäre, den Roman stringent, einfach zu halten. Das wiederum hätte ich jedoch gar nicht gekonnt und auch nicht gewollt. Der sogenannte Massenmarkt ist darauf nicht vorbereitet, und so fiel es relativ schnell aus dem Raster der Massentauglichkeit. Was ich natürlich bedauere, denn ich glaube nach wie vor, dass es für diese Art der Literatur einen Markt gibt.

Und natürlich beneidet man andere deutsche Autoren, wie zum Beispiel im aktuellen Genre-Trend Thriller, um die gewaltige Präsenz im Literatur-Zirkus. Nicht des Geldes, sondern vielmehr der Anerkennung als Schriftsteller wegen. In schlaflosen Nächten fühlt man sich dann doch eher als ein Schreiber, der einfach zu dumm war, es richtig zu machen. Der nicht klug genug gewesen war, sich dem aktuellen literarischen Zeitgeist anzupassen. Das, muss ich sagen, ist eine sehr frustrierende, nahezu bittere Erkenntnis, wenngleich ich natürlich unglaublich dankbar bin, dass meine Romane überhaupt publiziert werden und Leser finden.

Wovon träumst Du?

Als Autor anerkannt zu werden und weiterhin absonderliche Geschichten erzählen zu können, zu dürfen. Natürlich ist der Traum präsent, in einem größeren Verlag publiziert zu werden. Davon träume ich. Und von dem letzten Sommergeheimnis auf einem Jahrmarkt, während das Riesenrad am höchsten Punkt, nahe dem Mond, stehen bleibt.