Du schreibst über das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen und dass man eben manchmal auch gemeinsam sehr einsam sein kann. Was hält Dich an schlechten Tagen oben, was erhellt die schwärzesten Nächte?

An ganz normalen, schlechten Tagen reicht es völlig, mich selbst und die Welt nicht zu ernst zu nehmen. Einen Schritt zurückzugehen, das Groteske zu sehen, über den manchmal dreckigen Humor meines Lebens zu lachen. So banal es klingt: „Gehe einfach schlafen, mein Herz. Die Welt ist morgens um acht nie ebenso dunkel, wie um Mitternacht“, ist nicht der dümmste Tipp.

Schwärzeste Nächte gibt es nicht. Sie sind Teil einer schwärzesten Etappe. Wenn du weißt, es wird dauern und das ist erst der Beginn des Vermissens. Es ist immer Vermissen. Einen Menschen, eine (verpasste) Chance, Sicherheit, sich selbst. Immer dasselbe und immer wieder so schmerzhaft wie beim ersten Mal. Was hilft? Leiden, hadern, Wunden lecken, schreiben. Und dann hoch und erinnern, dass es immer wieder weiterging. Dankbar sein. Meine besten Texte stammen aus schwarzen Nächten.

Das Coverfoto zeigt eine Hamburger Bar und auch Du bist eine nordische Kiezlady – wie viele Deiner Stories sind an einem Tresen in St. Pauli entstanden? Wie und wo schreibt Candy Bukowski und hat sie mit ihrem Namensvetter Charles auch die Liebe zu gutem Alkohol gemein?

Ich glaube, wer schreibt, der schreibt immer. Man lebt, man erlebt, man schaut hin, fühlt und denkt. Den ganzen Tag über, egal wo man ist. Viele meiner Texte haben sich über Minuten oder Tage gedacht, wurden dabei schon in Form gebracht oder ordnen sich um.

Und dann setze ich mich irgendwann hin und schreibe sie herunter. So wie sie längst da sind, der Rest ist dann Feinschliff. Kürzen! Oder finde das passende Bild! Schreib das Gefühl! Schone Dich nicht, weiche nicht aus! All sowas. Das ist dann leicht, das ist Schreiben, wie ich es liebe.

Anders ist es, wenn das Thema vorgegeben ist, ein Text sich einpassen soll. Das ist Arbeit, bei der ich mich immer wieder neu zurückpfeifen muss. Dann heißt es: konzentriere dich! Komm zurück zum Thema! Schreibe verdammt nochmal nicht stimmungsabhängig! Ganz anders also.

Was stets gleich bleibt: ich schreibe zuhause am PC, wenn ich alleine bin. Ohne Musik oder Ablenkung. Vertraute Menschen kann ich dabei nicht um mich haben, das ist völlig verrückt. Fremde am Nebentisch dagegen, inspirieren mich eher. Vom ersten Verlagshonorar habe ich mir ein leichtes, kleines Notebook geleistet. Das macht mich glücklich! Jetzt kann ich überall schreiben, wo ich will! Und dass es mit Autorenblut bezahlt wurde, ist das besonders Großartige dabei.

Zur letzten Frage: ja, ich trinke. Nicht so konsequent wie Charles, aber für dieses Leben musst du trunken sein. Wie soll es dir seine Abgründe zeigen, wenn du dich an der Begrenzung festklammerst und Salbeitee trinkst?

Wie definierst Du Liebe?

Lässt sich Liebe definieren, nach Erich Fried? Ich suche sie zu greifen, ja. Immer wieder neu, immer wieder anders, immer wieder auf der Suche nach neuen Worten für etwas, das mit zartem Schmetterlingsflügel eine Welt durch die Galaxie drischt und mit brutaler Faust eine Wange streichelt. Liebe ist alles, alles was wir brauchen und sie tut weh. Zum Glück tut sie das, sonst könnten wir sie nicht spüren. Sie tut im Wundervollen weh und im Schrecklichen, wir verletzen uns, weil das Tier tief drinnen eben auch immer mitspielen will. Und wie schlimm wäre es, wenn wir es verstecken müssten, um dem anderen ein glattes Abziehbild zu sein? Liebe ist still und brüllt, ich könnte mich in Rage schreiben, wenn Menschen Liebe mit beständiger Harmonie gleichsetzen. Liebe ist ein wundervoller Derwisch und morgen hätte ich an dieser Stelle sicher schon wieder etwas anderes gesagt.

Vermutlich definiert sich Liebe immer wieder selbst aufs Neue, deshalb können wir sie ja nicht zähmen und eintüten, wie alles andere.

Deine Erzählungen verursachen beim Lesen ein Kribbeln auf der Haut, wir leiden und lieben mit den jeweiligen Charakteren. Du schreibst sehr authentisch und findest Worte für die härtesten Emotionen. Wie sehr leidest und liebst Du selbst beim Schreiben?

Hm. Wenn das so ist, dann ist es größtes Glück für mich, das sind mein Wunsch und meine Hoffnung ans Schreiben. Aber die Wahrheit ist, es fällt mir nicht schwer, die Härte von Emotionen in Worte zu packen. Es sind die einzigen, die mich auf Papier interessieren, ob selbst verfasst oder gelesen.

Wenn ein Autor es schafft, mich in seine Abgründe schauen zu lassen, mich mitnimmt, wenn er nackt und schonungslos durch den Morast taucht, weit unter der abgesicherten Oberfläche, dann möchte ich in die Knie gehen vor Ehrfurcht. Ehrfurcht vor der Blöße, dem Gefühl, dem Gelebten, und dem Verschmerzten gegenüber. Und wenn er es dann noch schafft, in einem Satz, einem einzigen, die Emotionsbilanz eines Kapitels zu ziehen, dann ist das orgiastisch gut.

So möchte ich lesen und im besten Fall schreiben. Nicht immer, soll ja keiner erschlagen werden, aber beharrlich immer wieder.

Wie sehr ich dabei leide und liebe? *lach* Das kommt darauf an, wieviel Sepia das Gefühl hinter dem Text schon trägt. Aber nein, ich kämpfe mich sicher nicht leidend durch die Nächte. Das wäre ja schrecklich. Man mag es nicht glauben, aber ich bin in letzter Konsequenz ein überaus optimistischer, lebensbegeisterter Mensch. Einer meiner Liebsten hat mir kürzlich bescheinigt, dass ich niemals erwachsen sein werde, das halte ich mit Ende Vierzig für ein großartiges Kompliment. Trotz hält anscheinend jung.

Deine Literatur knallt bis in die letzte Nervenbahn, im Guten wie im Schlechten, Du findest für uns die richtigen Worte für kaum fassbare Situationen und Wünsche. Welcher Text hat das zuletzt bei Dir geschafft, welche Autoren liest Du selbst gern und warum?

Das schafft bei mir immer wieder die Bloggerin Sarah Riedeberger, trotz oder wegen ihrer Jugend, was mich jedes Mal aufs Neue völlig fassungslos macht. Alex Winter von talkinggiants.com steppt wortgewaltig und grenzignorierend am Abgrund. Jeder Text ein Treffer. Sven Heuchert, gerade sind seine ersten Stories im Bernstein Verlag erschienen, ein ganz großer Amerikaner mitten aus dem Pott. Gnadenlos gut.

Von den Großen hat mich zuletzt natürlich Wolfgang Herrndorf mit seinem Können und seiner persönlichen Konsequenz sehr berührt. Stephen King ist mit „Vom Leben und Schreiben“ mein Gott geworden, wir teilen uns das Schlafzimmer. Angelika Schrobsdorff wird mich mit „Du bist nicht wie andere Mütter“ nie mehr wieder loslassen, so wie Monika Maron „Animal Triste“ mein Verständnis von Literatur sicherlich sehr geprägt hat. Raymond Carver! „Wovon wir reden, wenn wir über die Liebe reden“ – muss ich nichts zu sagen, oder?

Alles knallharte, wundervolle Autoren. Nicht zu vergessen, die LyrikerInnen: Die große Dame Hilde Domin, unbedingt und immer, immer wieder Mascha Kaleko, aber auch Till Lindemann – der Sänger von Rammstein – wird mit großartigen Gedichten verlegt. Rilke ist unersetzlich und wenn man mal abseits des Bekannten schaut, wird auch nicht mehr an Blümchen geschnuppert. Ein winziger Abriss von so vielen großen Geistern. Alle schreiben über die Liebe und das Leben und dennoch ist beides nie zu Ende erzählt und berührt immer wieder neu. Was ist Buch doch für ein geniales Medium, oder?