Natalia Werdung ist Theaterwissenschaftlerin, Buchhändlerin, Vertriebsmensch und passionierte Leserin. Nach Stationen u.a. beim Carl Hanser Verlag, der Verlagsgruppe Random House und bei Travel House Media, freut sie sich, aktuell beim kanadischen E-Reading Unternehmen Kobo als Merchandiserin Bücher an den Mann und an die Frau bringen zu dürfen. Mara Giese hat ihr ein paar Fragen zu ihrem Job in der Digitalbranche gestellt.

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Liebe Natalia, kannst du einmal deinen Werdegang für uns umreißen?

Sehr gerne! Ich habe Theaterwissenschaften in Krakau und München studiert und währendessen in einer Buchhandlung ausgeholfen. Da habe ich dann die Buchbranche für mich entdeckt und anschließend eine Ausbildung als Buchhändlerin gemacht. Glücklicherweise konnte ich danach gleich beim Carl Hanser Verlag anfangen – ein Traum! Nachfolgend habe ich bei der Verlagsgruppe Random House gearbeitet und später bei Travel House Media – immer in vertrieblichen Positionen. Meine aktuelle Stelle bei Kobo verbindet die Arbeit einer Buchhändlerin mit allen Aspekten von E-Commerce, was für mich perfekt ist.

Aktuell betreust du für Kobo die E-Book-Shops in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Wie kam es dazu?

Ich habe die Stellenanzeige gesehen und habe mich beworben. Dazwischen lagen nur noch 4 oder 5 Gespräche auf Englisch per Videokonferenz.

Kobo ist ein internationales Unternehmen. Von wo aus arbeitest du?

Die Zentrale ist in Toronto in Kanada und dort sind die meisten der Mitarbeiter ansässig. Circa 100 der Kolleginnen und Kollegen arbeiten aber von Zuhause oder aus einem angemieteten Büro – so wie ich. Im Moment bin ich die einzige in Deutschland (München) ansässige Mitarbeiterin. Bis jetzt war ich leider weder in Toronto noch in Tokio (dort ist der Sitz des Mutterkonzerns Rakuten Inc.), aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben!

Kobo ShopUnd wie kann ich mir deine Arbeit genau vorstellen? Hast du viele Telefonkonferenzen oder Skype-Meetings?

Ich sehe mich als Online-Buchhändlerin. Verlage stellen mir ihre Programme vor und ich entscheide, welche Titel sich für unsere Kundinnen und Kunden eignen. Unsere Kundschaft ist vorwiegend weiblich und liest Spannung und Liebesromane. Ich stelle die Titel, in denen ich Potenzial sehe, auf die Website und präsentiere sie in Newslettern und Bannern. Ich habe täglich mindestens ein Video-Meeting um mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen, zum Beispiel aus dem Marketing, abzustimmen. Ich telefoniere auch viel mit den Verlagen. Es ist sehr abwechslungsreich und dabei geht es immer auch um Inhalte – Kobo ist der buchhändlerische Anspruch sehr wichtig. Ich fungiere auch regelmäßig als die interne Expertin für den deutschen Markt und unterstütze Kolleginnen und Kollegen, die auch in Deutschland unsere eigenen E-Reader und Apps verkaufen.

Du arbeitest also praktisch im Homeoffice – wie gefällt dir denn diese Art zu arbeiten? Wo siehst du Vor- und Nachteile?

Ich musste mich daran gewöhnen, bin aber erstaunt, wie gut es funktioniert, ein virtuelles Team zu haben. Wir kommunizieren über viele Kanäle z.B. auch über ein Chat-Programm Namens Slack. Der Vorteil ist, dass ich meine Arbeitszeit flexibel einteilen kann. Allerdings ist diese Art zu arbeiten nichts für Menschen, die schlecht organisiert sind, Probleme haben, sich selbst zu motivieren oder Arbeit und Freizeit voneinander zu trennen. Dazu gehöre ich zum Glück nicht. Auf jeden Fall schätze ich es sehr bei Kobo, dass das Ergebnis zählt und nicht, ob jemand von 9:00 bis 18:00 Uhr im Büro gesessen ist.

Kobo_logo_(2015).svgIn welchen Ländern ist Kobo aktiv?

Leserinnen und Leser aus 190 Ländern können bei Kobo einkaufen und erhalten ein einheitliches kuratiertes Angebot. Mit eigenen Shops sind wir – nach dem Launch in der Türkei im April 2016 – in 17 Ländern vertreten. Es gibt auch für Deutschland, für Österreich und für die Schweiz jeweils einen eigenen Shop.

Lassen sich im digitalen Geschäft Unterschiede zwischen euren Standorten erkennen? Gibt es Länder, die dem digitalen Lesen gegenüber besonders aufgeschlossen sind?

Ja, es gibt deutliche Unterschiede. Verglichen mit anderen Ländern haben wir in Deutschland ein sehr hohes Preisniveau für E-Books und die Kunden sind weniger preisensibel als z.B. in Italien oder Großbritanien. Es existiert aber auch hierzulande ein Markt für E-Book-Schnäppchen.  Der Marktanteil für E-Books ist in Deutschland noch überschaubar mit 5,4% im 1. Quartal 2016 (Selfpublishing nicht mitgezählt!), knapp 12% in der Belletristik. In anderen Ländern liegt der Markanteil meistens viel höher, vor allem in der Belletristik. Da ist also noch Luft nach oben. Der deutsche Markt ist sehr besonders, auch wegen der Preisbindung. Ich bin froh, dass es in Deutschland keine Preiskämpfe gibt wie z.B. in den USA. Wenn wir keine Preisbindung hätten, würde unsere Buchhandelslandschaft, auch im digitalen Bereich, vermutlich anders aussehen.

Der Markt der digitalen Literatur hat immer noch mit Durchsetzungsschwierigkeiten zu kämpfen. Wie erlebt ihr das in eurer täglichen Arbeit?

Du meinst, weil es Vorbehalte gegenüber E-Books gibt? Ich habe bei den Verlagen mit Menschen aus Digitalabteilungen zu tun, die über Kobo gerne verkaufen möchten, daher kämpfe ich direkt nicht mit Vorbehalten. Aber viele schöne Ideen lassen sich leider nicht durchsetzen, weil teilweise Widerstand innerhalb der Verlagshäuser existiert. Ich spreche hier z.B. von Preisaktionen für einen kurzen Zeitraum für bestimmte Titel. Leider sind Verlage hier oft noch zurückhaltend. Für uns aber sind Preisaktionen ein sehr sinnvolles Instrument, um das Leben eines Titels zu verlängern, den Verkauf anzukurbeln oder einem Buch Aufmerksamkeit zu verschaffen, die es zum normalen Preis nicht bekommen würde. Allerdings achte ich hier auf eine gute Mischung: Kein Shop kann überleben, wenn er nur niedrigpreisige E-Books verkauft.

Was würdest du dir von den Verlagen wünschen?

Ich finde es richtig, wenn ein Verlag eine eigenständige Programmplanung für das E-Book macht und die Titel getrennt von den Printtiteln betrachtet – das machen nur wenige Verlage konsequent. Dann steht nämlich einem freieren und kreativeren Marketing nichts im Wege. Mit E-Books kann man viel mehr experimentieren als mit gedruckten Büchern z.B. einfach spannende Backlist-Aktionen machen. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Verlage mit solchen Ideen auf mich zukommen. Mit den allermeisten Verlagen besteht aber bereits eine vertrauensvolle und intensive Zusammenarbeit, die ich sehr schätze und genieße.