Die Pointe vorweg: Ich habe gar kein Bücherregal. Vor sieben Jahren bin ich zuletzt umgezogen. Und dabei habe ich auch meinen Büchern ein neues Zuhause gegeben. In einem Schrank. In mehreren Etagen und Reihen. Mit Tür zum Zumachen. Damals habe ich auch begonnen, mich von Büchern zu trennen, sie zu verschenken oder zu verkaufen. Ich muss nicht alles besitzen. Und jetzt liegen in dem Schrank wirklich nur noch drei Sorten von Büchern: die alten, die mir etwas bedeuten, die neuen, die ich noch lesen möchte und die, die ich in der letzten Zeit gelesen habe und noch entscheiden muss, ob ich sie behalten möchte oder nicht. Meist sortiere ich erst aus, wenn beim Bücher-Tetris wirklich kein Platz mehr frei ist.

Regal (1)

Ich möchte jetzt niemanden mit offensichtlichen Lektüre-Klassikern aus dem Jugendalter Und über Boris Vian und „Der Schaum der Tage“ muss ich nicht mehr viel sagen. Wer bei den Electric Nights im März dabei war weiß, was mir das Buch bedeutet. Auch Bücher wie „Generation X“ von Douglas Coupland lasse ich mal weg, obwohl diese Slacker-Kultur Anfang der 90er Jahre für mich ziemlich prägend war. Beim Schrank-Durchwühlen beschränke ich mich auf Bücher, die mich in diesem Jahrtausend begeistert haben.

Fangen wir an mit Norman Ohler. Der hat mich Ende der 90er-Jahre mit seinem Schreibstil in „Die Quotenmaschine“ komplett aus der Bahn geschossen. Ich sage nur: der Doppelpunkt als Stilmittel. Und wegen „Mitte“ bin ich Anfang der 2000er eigens nach Berlin gefahren, um das Buch in den Hackeschen Höfen zu lesen. Vor kurzem habe ich „Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich“ beendet. Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, das mich sprachlich und textrhythmisch so begeistert hat – und das mich inhaltlich dermaßen angeekelt hat, dass mir regelmäßig ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen ist. Es war erschreckend zu sehen, wie historisch das Thema, das ich in „Zeitgruppe Null“ in eine nahe Zukunft gesetzt habe, bereits ist. Hitler als Junkie, und die Wehrmacht verwüstet Europa im Pervitin-Rausch. Pharmakologie als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Einer meiner Lieblingssätze von Ohler kommt aus „Mitte“. Seit ich diesen Satz gelesen habe, versuche ich mich beim Schreiben daran zu halten: „… und begann, sich ein paar Notizen zu machen. Er kam sehr langsam dabei voran, denn er achtete bei jedem Satz auf dessen Klang, bevor er ihn festhielt, und nur die wenigsten überlebten das.“

Die „Phineas Poe“-Trilogie von Will Christopher Baer war auch ein einschneidendes Erlebnis, vor allem der erste Band. Wahnsinn. Ich habe ewig auf sein viertes Buch gewartet, „Godspeed“, das sollte irgendwann um 2008 herum erscheinen, aber nach dauerndem Kurzfrist-Verschieben hat der Verlag das Erscheinungsdatum auf 2038 gesetzt – und dann war es völlig verschwunden. Schade. Ich hätte gerne mehr von Baers dunkler Sprache gelesen. Wollt Ihr ein Beispiel für seine schwarzen Worte, die sich im Kopf festkrallen und dort explodieren?

“She leads me outside. I’m surprised by the dark and I take deep breaths. The air is cold and thick in my lungs. I spread my arms like wings and close my eyes and I hear a thousand televisions. (…) I felt this way once before, stepping out onto a dark highway and staring into the lights of oncoming traffic.”

Max Barry, auch super. „Jennifer Government“ (auf Deutsch unter dem furchtbaren Titel „Logoland“ erschienen) war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe. Barry beschreibt darin eine Konsumzeit, in der die Menschen durch ihre Nachnamen schon preisgeben, für wen sie arbeiten. Der Protagonist heißt John Nike – und Jennifer, seine Gegenspielerin, arbeitet für die Regierung. Danach kam „Company“, (wieder mit einer ganz komischen Titel-Übersetzung: „Chefsache”), über das das Magazin Forbes sagte: „Sollten Sie gerade ein Managementbuch lesen, egal was für eines: Legen Sie es beiseite und holen Sie sich stattdessen Chefsache.“ Genau so. „Machine Man“ (über Bio-Engineering) und „Lexicon“ (über die tödliche Kraft der Worte) kann ich auch sehr ans Herz legen.

Barry (1)

Herrje, ich komme ins Schwärmen bei diesen literarischen Retroinjektionen. Mal im Schnelldurchgang ein paar Bücher, die hier nicht fehlen dürfen. Und ich betone: es ist keine Liste. Wer „High Fidelity“ gelesen hat, macht so schnell keine Listen mehr. Also. Die „Reise ans Ende der Nacht“ von Louis-Ferdinand-Céline hat meiner zerknirschten Sicht auf die Welt und ihre hässlichen Launen sehr gut getan. „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian ist ein ganz wunderbares Buch, das sehr schnell von Komik über Tragik ins Grauenhafte wechselt. „Plan D“ von Simon Urban; auch im Jahr 25plus des Einheitsdeutschlands eine enddemokratische Lektüre, denn: die Wiedervereinigung hat es nie gegeben. „Daemon“ von Daniel Suarez war das schnellste Buch, das ich bislang gelesen habe. Schnell im Sinne von atemlos. Da gibt es kaum eine Pause. Und die Idee, dass ein Computerfreak einen Virus programmiert, der aktiviert wird, sobald online über seinem Tod berichtet wird – ein fantastisches Setting. Gedichte habe ich in letzter Zeit eher weniger gelesen, aber als Mad-Men-Fan habe ich mir damals „Meditations in an Emergency“ von Frank O’Hara zugelegt, und in dem Gedicht „Mayakovsky“ steht einer der schönsten Sätze, die ich in den letzten Jahren lesen durfte:

OHara (1)

„Nabokovs Katze“ von Thomas Lehr war auch eine ganz wunderbare Geschichte. Aus diesem Buch habe ich das Motto, mit dem ich seither jeden meiner aktualisierten Lebensläufe überschreibe: „Ich denke, jeder bemüht sich eine Lebensgeschichte zu realisieren, die auf bestimmte Weise Sinn ergibt.“ Und in „42“ beschreibt Lehr im wahrsten Sinne des Wortes eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben ist. Ein paar „Chronifizierte“, die nicht vom Stillstand betroffen wurden, wandern in dieser Standbild-Welt ziellos umher, bis in den Wahnsinn. Ganz toll und letztes Jahr erst gelesen: „Die Kunst des Erzählens“ von James Wood, Professor für Literaturkritik. Eine sehr filigrane Anleitung zum Lesen – und zum Schreiben. Mir hat das Buch in meiner Überarbeitung von „Zeitgruppe Null“ enorm geholfen. Wie Wood einzelne Textpassagen großer und nicht so großer Literatur auseinandernimmt und detailliert darlegt, warum diese Stelle (nicht) gut ist, oder wie wichtig Nebenfiguren sind, das ist einfach groß. Anfang des Jahres hat mich Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“ schwer beeindruckt. Ein ganzes Leben in einem vergleichsweise dünnen Büchlein. Jedes Wort passt und ist wie ein präziser Kniff in den Arm. Allein der Satz, den der hinkende Protagonist Egger einer Bergwanderin zuraunt, als diese sich den Fuß verknackst und grunzt, dass beide ja nun gemeinsam den Berg hinab hinken könnten, ist eine sprachliche Ohrfeige: „Jeder hinkt für sich alleine!“

Nicht immer, aber immer mal wieder kommt mir ein grandioses Graphic Novel unter die Augen. Das Beste, was ich in diesem Genre bisher entdecken durfte, ist „Pinocchio“ von Winshluss. Verschiedene Erzählstränge in einer Geschichte, und jeder Erzählstrang hat einen eigenen Zeichenstil. Pinocchio wird vom skrupellosen Gepetto als Kampfmaschine konzipiert. Alles dreht sich um Hass und Gewalt, Folter und Vernichtung. Mit fast jeder der überwältigend schön gestalteten Seiten kann man sich ohne mit der Wimper zu zucken sein Wohnzimmer tapezieren.

GraphicNovels (1)

Neben meinem Bett liegt schon seit Längerem ein Sammelband mit dystopischen Kurzgeschichten. Zwischen zwei Romanen (oder auch mal mittendrin), greife ich danach und lese ein Häppchen. Einschlafprobleme habe ich übrigens nicht. Gerade lese ich „Ready Player One“ von Ernest Cline. Wie der Titel schon sagt ist das eine Hommage an die Video- und Computerspielkultur der 1980er Jahre, eingebettet in ein recht düsteres Szenario irgendwann in den 2040er Jahren, in der die Welt soweit runtergewirtschaftet ist, dass alle sich in die virtuelle Welt der OASIS flüchten. Als der Erbauer dieser Welt stirbt und sein gesamtes Vermögen demjenigen vermacht, der zuerst sein Rätsel löst, beginnt eine absurde Jagd, die zwischen (gar nicht mal so) futuristischen Technologien und 80er-Jahre Computer-Nostalgie oszilliert. Ein sehr fesselndes Buch.

Und für die Zeit danach habe ich auch schon vorgesorgt. Im Schrank wartet Thomas von Steinaeckers „Die Verteidigung des Paradieses“. Als ich gelesen habe, dass dieses Buch „Postapokalypse und Poetologie“ in einem sein soll, war die Kaufentscheidung schon getroffen.

So, jetzt mache ich die Tür aber wieder zu, und zwar ohne nochmal in den hinteren Reihen zu schauen, denn sonst wird dieser Text hier noch länger.


Wir finden es unheimlich spannend, in die Bibliotheken und Lesezimmer von anderen Menschen zu schauen – ein Blick ins Bücherregal kann so vieles verraten. Deshalb wollen wir in loser Folge einen Blick auf die Bücherregale unserer Autoren und Mitarbeiter werfen: woher kommt eigentlich die Liebe zur Literatur, welche Bücher werden immer wieder zur Hand genommen, welche nie zu Ende gelesen? Bisher in der Reihe erschienen: Richard Lorenz, Tina Voss und Candy Bukowski.

Dirk Bathen ist gebürtiger Sauerländer (1974) und mäandert als Soziologe, Autor und Universaldilettant durch die Gegenwart. Sein Geld verdient er als freiberuflicher Strategie- und Innovationsberater. In seinem Blog mentalreserven.de veröffentlicht der Vater dreier Töchter zentrale Randnotizen und bunte Strohhalme zur Weltbewältigung. Wenn am Ende der Tagesaufgaben noch ein paar Stunden übrig sind, schwärzt er alte Zeitungsartikel, so dass aus den nicht durchgestrichenen Wörtern eine neue Botschaft entsteht. Ende 2015 erschien sein zweites Buch mit „Blackouts“, und auch auf Facebook publiziert er regelmäßig textverdunkelte Konfusionsbeschleuniger.