Maria-Christina Piwowarski ist Buchhändlerin bei der Buchhandlung Ocelot in Berlin – vor einigen Tagen ist ihr auf Facebook der Kragen geplatzt. Anlass dafür war, dass Autoren oder Blogger immer wieder zu Amazon verlinken und nicht auf die lokalen Buchhandlungen. Für uns hat sie ihrer Wut und ihrem Ärger noch einmal Luft gemacht – entstanden ist dabei ein lesenswertes Plädoyer für den Buchhandel.

Amazon

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Ich habe Amazon nie als Konkurrenz betrachtet. Das ist vielleicht naiv, vielleicht auch versnobt, auf jeden Fall entspricht es meinem Gefühl. Als Buchhändlerin bin ich viel zu sehr von persönlichen Empfehlungen, von direkten Gesprächen mit Kunden und von einem ausgewählten Sortiment überzeugt, als dass mich der anonyme Versandgigant mit seinen uninspirierten Algorithmen, seinem penetranten Werbe-Tinnef und vor allem seiner „Ich bewerte, also bin ich!“-Mentalität auch nur ansatzweise gejuckt hätte. Ich weiß einfach, ich kann das besser: Das richtige Buch an den richtigen Menschen zu bringen. Buchhändler, die sich jammernd vor dem scheinbar übermächtigen Onlinekonzern winden oder wie hypnotisierte Karnickel angesichts der multimedialen Schlange in Schockstarre verfallen, finde ich eher albern. Punktet doch mit dem, was ihr besser könnt, denke ich dann. Zeigt doch, wo eure Stärken liegen: Kennt euch besser aus, beratet ausgezeichnet, überrascht die Kunden mit Besonderem, veranstaltet große Lesungen oder kleine Buchempfehlungsabende bei Rotwein und Schnaps, seid glaubwürdig und persönlich, pflegt einfach eine gute Atmosphäre. Dies alles kann Amazon nämlich nicht. Noch nicht. Und deren künftige Offlinebuchläden werden es vermutlich auch nicht authentisch auf die Reihe kriegen. Und falls wider Erwarten doch, dann werden wir Leib-und-Seele-Buchhändler einfach noch besser. So viel Anspruch an sich darf man ja wohl haben.

Klar ist Amazon ein riesiger Konzern. Ich habe da auch mal eine Waschmaschine bestellt. Als ich Anfang der Nullerjahre alleinerziehend war. Und arbeitslos. Und buchstäblich in einem Kaff in Vorpommern festsaß. Und niemand sonst mir einen Ratenvertrag für ein (mit spucklustigem Baby dringend benötigtes) Elektrogerät angeboten hat. Zack! Ohne viele Nachfragen hatte ich eine hübsche Kreditkarte mit Amazon-Logo. Und eine Waschmaschine auf Pump. Ganz, ganz fabelhaft. Klar, die haben Macht, die haben eine perfekte Logistik, die haben Heerscharen von Anwälten, die wie Schießhunde aufpassen, dass die Sache für sie schön steuerfreundlich abläuft und die Arbeiter brav in der unterbezahlten Reihe bleiben. Aber die haben verdammt noch mal überhaupt keine Ahnung von Literatur.

Autoren – und Amazon

Und wenn ich doch geistig so über Amazon erhaben bin, warum werde ich jetzt plötzlich so pampig? Warum mache ich mir hier die ganze Mühe? Weil es persönlich geworden ist! Wo die lesende Menschheit ihre Bücher kauft, soll nämlich bitteschön jeder für sich allein entscheiden und gewissenhaft verantworten. Ich überzeuge als Buchhändlerin selbst von meinen Qualitäten und den Vorzügen des stationären Buchhandels. Aber jetzt kommen die marketingbemühten Autoren ins Spiel, die in sozialen Medien verkaufsträchtig auf ihre Bücher hinweisen wollen. Und wohin verlinken sie? Zu Amazon! Als gäbe es die betreffenden Bücher online nur dort. Und jetzt kommt mir bitte keiner mit Selfpublisher-Titeln, die wirklich nur über Amazon zu beziehen sind. Die meine ich nämlich ganz und gar nicht. Ich bin ja nicht begriffsstutzig. Es geht mir um völlig unnötige Amazon-Links zu Büchern, die es bei jedem Buchhändler zu kaufen oder zumindest zu bestellen gibt. Begonnen hat dieser Kreuzzug für mich im Sommer 2015. Ich schrieb eine sehr begeisterte Buchbesprechung auf der Facebook-Seite von Ocelot zu einem gerade erschienenen Roman und freute mich, als die Berliner Autorin den Post auf ihrer privaten und der Fanseite ihres Buches teilte. Aus Neugier folgte ich dann zum ersten Mal dem dort hinterlegten „jetzt einkaufen“-Link und landete – Überraschung – bei Amazon. Unfassbar fand ich das! Sieht sie denn nicht, wer hier aus Überzeugung wirklich etwas für ihr Buch tut? Wer es gelesen und verstanden hat und glühenden Herzens seiner kauflustigen Kundschaft empfiehlt? Wie eine schmutzig betrogene Gattin fühlt sich die Buchhändlerin da. Ich schrieb ihr sehr freundlich und etwas kleinlaut, dass ich wirklich nicht klugscheißen wolle, aber dass ich es sehr fair fände, wenn sie zumindest auf die Verlagsseite verweisen würde. Nun führt der von mir beklagte Link direkt zum S. Fischer Verlag. Die Autorin hat das alles auch sofort eingesehen. Aber bewusst war es ihr vorher nicht. Gedankenlos eben.

Seitdem reagiere ich allerdings zunehmend gereizt, denn das war durchaus kein Einzelfall. Besonders wenn AutorInnen bereits hier im Laden waren oder sich virtuell gern mit unserer Begeisterung für ihr Buch schmücken in irgendwelchen Facebook-Posts Amazon als einzigen Maßstab für Lieferbarkeit oder Verkaufszahlen oder Rezeption anführen, geht mir das gewaltig gegen den Strich. Etwas einfallslos ist das vielleicht, das ist den meisten klar, aber vermeintlich eine sichere Bank, denn Amazon kennt eben jeder. Jeder hat dort angeblich ein Kundenkonto. Der Weg zum Warenkorb ist für den Buchkäufer kurz. Und vielleicht rutscht das Buch dann schnell im Amazon-Ranking nach oben und wird noch bekannter, bekommt noch eine begehrte Sternchenbewertung und wird noch besser verkauft. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich da auf. Vermeintlich. Quatsch ist das! Und ein Affront gegen den Buchhandel. Autoren, seid doch nicht so gedankenlos. Wir sind hier an der buchhandelnden Front jeden Tag für euch aktiv! Wenn ihr ein gutes Buch schreibt, lesen wir es, empfehlen es und verkaufen es. Amazon hingegen verseucht die ganze Branche mit einer perversen Rabattschlacht, die Verlage und Buchhandlungen in die Knie zwingen will. Und dann heulen wir alle. Also verlinkt gefälligst neutral. Wenn dann irgendeine Seele in Hintertupfingen beschließt, das Buch über Amazon zu bestellen, soll sie das zum Donnerwetter eben tun, aber die Mehrheit wird es bei ihrem individuellen Buchhändler bestellen. Noch besser wäre allerdings: Verlinkt zum Onlineshop der von euch privat bevorzugten Buchhandlung. Einen Onlineshop hat ja mittlerweile fast jeder Buchladen. Dann haben alle was davon. Autoren, die keine Lieblingsbuchhandlung haben, sind mir ohnehin etwas suspekt. Das müsste doch zu schaffen sein! Und dann legt man sich eben ein Kundenkonto zu oder man bestellt das Buch wieder in seiner eigenen Buchhandlung, für die man schon längst ein Onlinekundenkonto hat. Verflixt, das ist doch keine wirkliche Herausforderung.

Blogger, Verlage, Buchhandelsketten – und Amazon

Und die Blogger? Ach ja, Affiliate! Jeder größere Buchhandels-Onlineshop (ja, so auch Genialokal, wie ich mich heute extra noch mal informiert habe) arbeitet aktuell auf Hochtouren daran. Die merken das. Die haben den Bedarf wahrgenommen. Denen ist das auch wichtig. Ich habe eben gerade aber eine Stichprobe gemacht, nur so aus Spaß und Neugier, und bei einer schönen, inhabergeführten Buchhandlung in Hamburg angerufen. Einfach so. Kein Problem! Die bieten bereits Affiliate-Kooperationen an. Fragt einfach mal bei euch vor Ort nach. Seid ein bisschen interessiert. Denkt um die Ecke und trotzdem vom Herzen aus. Vielleicht hat eure Lieblingsbuchhandlung noch kein Affiliate-System für den Onlineshop, aber ihr kriegt Freikarten für Lesungen oder ihr einigt euch sonst irgendwie. Seid kreativ! Da ist oft viel mehr möglich, als man denkt. Und es ist ein so gutes Signal, Stellung zu beziehen und seinen Lesern zu zeigen, wie nah man am stationären Buchhandel ist. Affiliate sollte Identifikation sein. Es gibt so gute, engagierte, kompetente, vielfältige Buchhandlungen in Deutschland. Allein in Berlin könnte ich spontan zwölf nennen, in denen ich mich wohler fühle, als in meinem eigenen Wohnzimmer. Das hat nichts mit trockener Political Correctness zu tun. Das ist eine Frage der Wertschätzung und des Respekts. Zwischen Buchhandel und Autor sollte eine enge Beziehung gepflegt werden. Das kann auch ein Blogger unterstützen. Amazon kann da nur wie ein Liebestöter wirken.

Der Buchhandel und Amazon – ich habe lange geglaubt, die Diskussion wäre müßig, weil wir ja auch alle brav im Bioladen regionales, ungespritztes Gemüse kaufen. Aber scheinbar ist sie nach wie vor nötig. Amazon hat schlicht keine buchhändlerische Seele. Deshalb muss hier keine Harmonie hergebetet werden. Die verkaufen schließlich auch Devotionalien aus dem Zweiten Weltkrieg, die Penner. Die würden vielleicht auch Organe verkaufen, wenn es irgendwann mal legal würde, Gott bewahre. Deshalb ist es gut und richtig, so unheilige Allianzen wie die Bastei Lübbe Kooperation wütend abzustrafen. Aber dann ist auch mal wieder gut. Danach sollten wir uns wieder auf unser tägliches Geschäft konzentrieren und Amazon weiterhin den hart umkämpften Waschmaschinenmarkt überlassen. Deshalb finde ich es auch grundsätzlich falsch, Buchhandelsketten und Amazon in einen Topf zu schmeißen. Denn auch bei Hugendubel arbeiten Herzblutbuchhändler und empfehlen leidenschaftlich Bücher zum Indiebookday. Und auch, wenn Thalia für meinen persönlichen Geschmack zu wenige Bücher zwischen all den Blechgießkannen und Schokotäfelchen hat, darf bitte jeder Kunde selbst entscheiden, wo er sich gut beraten fühlt. Und bevor es Amazon in den gierigen Schlund geworfen wird, ist es mir sogar lieber, wenn ein Verlag ein Buch über seine eigene Seite vertreibt. Denn das werden Ausnahmen bleiben und im Idealfall arbeiten Buchhandel und Verlag auch hier künftig enger zusammen.

Zum Schluss

Die Buchhandlungen leisten ihren Beitrag. Sie haben den Ruf des Marktes nach Bequemlichkeit und versandkostenfreier, schneller Lieferung nach Hause vernommen und kaum eine Buchhandlung ist heute noch ohne angeschlossenen Onlineshop, um auch alle E-Book-Wünsche und nächtlichen Sofabestellungen unkompliziert zu erfüllen. Honoriert das! Kauft da, wo ihr live bestens beraten werdet, wo ihr auch offline eine gute Zeit verbringt. Das solltet ihr euch und uns gönnen.

Und zum Abschluss habe ich – denn das ist eben mein Beruf – eine Buchempfehlung für euch: Lest bitte „Saisonarbeit“ von Heike Geißler und ich bin sehr gespannt, wohin Edelwild jetzt verlinkt.

P.S.: Der Blogger Tobias Zeising von Lesestunden hat die Gedanken und Fragestellungen aufgegriffen und hat in einem lesenswerten Beitrag über seine eigene Sicht auf die Notwendigkeit des Buchhandels nachgedacht.


Amazon

Maria-Christina Piwowarski wurde 1982 geboren. Ihre Ausbildung zur Buchhändlerin hat sie 2007 begonnen, seit Dezember 2012 arbeitet sie für die Berliner Buchhandlung ocelot.