Anja Bagus ist Selfpublisherin und hat Anfang der Woche mit einem Blogbeitrag für Aufsehen gesorgt: unter dem Titel Ich weigere mich hat sie sich dafür ausgesprochen, dass ein Lektorat kein Qualitätskriterium für Bücher sein sollte. Ich bin unter Lektoren und Autoren auf Stimmenfang gegangen, um herauszufinden, ob das tatsächlich so ist: brauchen Bücher ein Lektorat? Oder könnten wir eigentlich auch gut und gerne auf die Arbeit von Lektoren verzichten?

Katharina Gerhardt, Lektorin:

Was ist ein Manuskript mit Potenzial? In der Belletristik – und nur für diese spreche ich hier – können erfahrungsgemäß wichtige Elemente sein: Ein interessantes Sujet, ein belastbarer Plot, also eine durchdachte Struktur, vielschichtige, aber nicht zu viele Figuren, ein gut gewähltes Setting, ein eigener literarischer Ton, eine durchgearbeitete Sprache sowie Handlungsspannung. So weit, so allgemein. Das ist kein Rezept, das sind lediglich Anhaltspunkte.

Und was ist eine gute Lektorin? (Ich bleibe mal bei der weiblichen Form, sorry boys, aber wir sind nun mal in der Mehrheit.) Eine gute Lektorin ist eine genaue Leserin, die mit Respekt vor der schöpferischen Leistung des Autors oder der Autorin ans Werk geht. Eine gute Lektorin hat viel gelesen, kann also vergleichen. Sie hat ein Händchen für Erfolgreiches, ist ein Trüffelschwein. Sie erspürt Trends vor allen anderen, sie kann geschickt verhandeln, z. B. mit Literaturagenten. Sie weiß um die typischen Fallen, in die Debütanten schon mal tappen. Sie mag Menschen. Sie hat Geduld. Sie kann gut zuhören. Sie lässt ihre Autoren glänzen. Natürlich hat sie ein bombastisches Sprachgefühl. Sie verfügt über die branchenübliche gesunde Halbbildung, die ihr hilft, sachliche Fehler im Manuskript zu finden. An den entscheidenden Stellen diskutiert sie unnachgiebig mit den Autorinnen. So scheut sie sich nicht, Vorschläge zur Tilgung einzelner Figuren oder ganzer Kapitel zu machen. Sie ist eine Meisterin des Kürzens und Straffens. Dann ist sie wieder nachsichtig – ebenfalls an den entscheidenden Stellen. Außerdem liest und spricht sie mindestens fünf Sprachen, davon eine außereuropäische. Sie ist stilistisch fit, entdeckt jede verrutschte Metapher und jeden falschen Konjunktiv. Das Brot-und-Butter-Geschäft von Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik beherrscht sie sowieso aus dem Effeff. Sie liebt ihren Beruf, schüttelt Klappen- und Vorschautexte nur so aus dem Handgelenk und lebt im Büro.

Klingt idealisiert? Stimmt. Vielleicht kann niemand alle diese Eigenschaften dauerhaft in einer Person vereinen bzw. ein Berufsleben lang so ideal performen. Deshalb, und weil sich die Aufgaben von Lektorinnen und Lektoren in den letzten 20 Jahren auch durch die Digitalisierung enorm vervielfältigt haben, hat sich das Berufsbild ausdifferenziert: Da ist zum einen die Verlagslektorin als acquisition editor, die im Verlag Manuskripte sichtet, weiterverteilt und Titel einkauft, also das Verlagsprogramm gestaltet. Sie bespricht, verhandelt, wägt ab und entscheidet. Sie sitzt lange an Telefon und Rechner sowie in Meetings aller Art. Die Entscheidung für oder gegen ein Manuskript muss sie verlagsintern und nach außen vertreten. Und wenn sie sich gegen ein Manuskript entscheidet, so kann das verschiedene Gründe haben: Es gibt bereits ein ganz ähnliches Buch im Programm. Das Manuskript passt nicht zur Zielgruppe des Verlags. Die Lektorin kann sich trotz langer Überlegung nicht vorstellen, dass ein Lektorat die Adjektivlastigkeit eines Textes wirklich wird tilgen können. Oder das Manuskript gefällt ihr schlicht nicht. Sprachlich. Inhaltlich. Die Entscheidung der Lektorin fußt immer in Teilen auf subjektiven Kriterien. Das darf sein. Kann auch gar nicht anders sein, so ganz ohne Geräte und Götter.

Eines wird allerdings bei der Entscheidung gegen ein Manuskript unter Garantie keine Rolle spielen: Dass die Verlagslektorin Zensur ausüben will. Das ist mit Verlaub gesagt, absurd: Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 1: „(…) Eine Zensur findet nicht statt.“ Auch von Verlagsdiktatur kann keine Rede sein. Wir leben in einem freien Land. Es gibt große und kleine, literarisch ambitionierte und weniger ambitionierte Verlage, unabhängige Verlage und Konzernverlage, ja sogar reine E-Book-Verlage in Deutschland. Alle arbeiten auf eigenes wirtschaftliches Risiko. Das Wort „verlegen“ kommt von „vorlegen“. Verlage strecken Geld vor, in Form von Autorenhonoraren z. B., sie setzen auf den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Titel und vertrauen dabei auf die Fachkenntnis ihrer Lektorinnen und Lektoren. Das ist freie Marktwirtschaft. Ganz banal. Nix Zensur. Nix Diktatur.

Zum anderen gibt es neben der Verlagslektorin den copy editor, also denjenigen, der die Textarbeit am Manuskript erledigt. Das kann eine freie Lektorin sein, die vom Verlag beauftragt wurde. Immer mehr Verlage setzen für die Arbeit am Manuskript auf freie Lektoren, weil die Verlagslektoren, wie oben beschrieben, mit anderen Aufgaben ausgelastet sind. Und diese freien Lektoren bieten ihre Dienstleistung, ihr handwerkliches Können auch auf dem freien Markt an. Das heißt, Autoren können ihre Manuskripte von freien Lektorinnen und Lektoren lektorieren lassen, noch bevor sie sich an einen Verlag wenden. Das kann durchaus ziemlich sinnvoll sein. Und es ist dieses Lektorat, gegen das Anja Bagus wettert. Das sei ja so teuer, das könne sie sich nicht leisten als Selfpublisher. Hm. Das muss sie ja auch nicht, würde ich da als freie Lektorin erwidern. Es gibt ja keinen Lektoratszwang. Und freie Lektoren bieten auch keinen Bücher-TÜV an, sondern lediglich Arbeit am Text. Zugegeben: Lektor ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Wenn man also eine freie Lektorin beauftragt, sollte man sich schon genau anschauen, wo sie gelernt, wie sie sich weitergebildet hat und über welche Referenzen sie verfügt.

Aber wenn man sich gegen ein professionelles Lektorat entscheidet, dann verstehe ich nicht, warum man schimpfen muss auf Menschen, die eine solche Dienstleistung anbieten bzw. auf andere, die sie in Anspruch nehmen. Wenn ich meine Wohnung selbst streiche und die Nasen und übermalten Stellen in Kauf nehme, beschwere ich mich ja auch nicht über alle Maler und Lackierer. Und halte es aus, wenn eine Freundin in einer perfekt und professionell gestrichenen Wohnung lebt.

Das Gute ist ja: Durch die Digitalisierung sind die Möglichkeiten, einen Text zu veröffentlichen, viel unkomplizierter geworden. Es geht jetzt auch ohne Verlag. Ist doch super. Und die Verlage sind gefordert, klar zu zeigen, welche Vorteile sie haben, was sie Autoren an Mehrwert bieten, mit welchen Pfunden sie wuchern können. Ich finde das ja spannend. 

Heute muss kein Manuskript mehr im slush pile der Verlage stecken bleiben. Früher war der Selbstverlag so etwas wie die Schmuddelecke des Literaturbetriebs. Heute befinden sich die Selfpublisher auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 3 neben den großen belletristischen Verlagen und haben eigene Lesebühnen. Und ob Selfpublisher ihre Bücher lektorieren lassen wollen oder nicht, können sie zum Glück ganz allein entscheiden.

Rebekka Pax, Autorin

Obwohl ich selber mehrere Jahre als Lektorin gearbeitet habe, käme ich niemals auf die Idee ein Manuskript ausschließlich selbstlektoriert zu veröffentlichen. Ein gut ausgebildeter Lektor findet die kleinen und großen Macken, die man als Autor oft übersieht, weil man sie z.B. hineingeplottet aber dann doch nicht geschrieben hat. Beim Egmont Lyx Verlag durfte ich meine Lektorin, die ich schon von einem anderen Verlag kannte, „mitbringen.“ Sie macht eine großartige Arbeit. Frau Bagus irrt sich, wenn sie glaubt, mit Talent ließe sich ein Lektorat ersetzen, es lässt sich nie ersetzen!

Rebekka Pax Lektorat

Ursula Hahnenberg, Lektorin

Gestern ist ein Blogartikel online gegangen, in dem eine Selfpublisherin schreibt, sie verzichte auf das Lektorat bei ihren Büchern, weil es ihr zu teuer sei. So weit, so gut, jeder muss schließlich selbst wissen, wofür er sein Geld ausgibt. Dann allerdings postuliert sie, dass ein Buch auch ohne Lektorat ein gutes Buch sein könne, selbst wenn es stilistische Fehler und andere »Anfängerfehler« habe. Sie weigert sich, ein Lektorat zu bezahlen; hinzunehmen, dass KollegInnen sie auf die Fehler hinweisen. Sie bestreitet, dass ein unlektorierter Text nicht gut sein kann. Kann er das?

Als, wie meine Kinder sagen, mittelalte Frau mit einer gestandenen Lesevergangenheit, Familie und Job muss ich dem widersprechen. Ich lese viel, ich höre Hörbücher beim Autofahren, beim Kochen, beim Bügeln, beim Einkaufen. Als Leserin bin ich nicht bereit, meine kostbare Zeit an eine Geschichte mit logischen Brüchen, stilistischen Fehlern und Ähnlichem zu verschwenden. Ich schalte ab, ich lege das Buch weg. Ich will unterhalten werden, in neue, andere Welten, Länder, Köpfe geführt werden, ich will nur das Beste. Meine Zeit ist zu kostbar für alles andere.

Als Lektorin arbeite ich vor allem mit Selfpublishern zusammen. Das tolle daran ist, dass ich dabei mit so vielen verschiedenen Menschen und ihren Geschichten arbeiten darf. Von der Schülerin bis zum Rentner, von der Zeitschriftenredakteurin, die ein Sachbuch schreiben will bis zum Familienvater, der die zauberhaften Märchen veröffentlicht, die er für seine Tochter schreibt. Sie alle verbindet das Bedürfnis zu schreiben und Talent. Mal mehr, mal weniger. Als Lektorin bin ich für sie Gedankenstrukturiererin, Verdichterin, Spannungsfinderin, Handwerkübermittlerin und oft auch Coach. Manche Texte brauchen viel Arbeit von AutorIn und LektorIn, manche sind schon gut. Gut?

Ja, es gibt auch unter den SelfpublisherInnen viele AutorInnen, die gut schreiben. Die, die erfolgreich sind, die viele treue LeserInnen haben, die sind nicht nur gut. Die gehören zu den Besten. Unter anderem deswegen, weil ihre Texte ein Lektorat durchgemacht haben. Und zwar ein auf die Zielgruppe zugeschnittenes Lektorat. Ein Schmachtfetzen wird durch ein gutes Lektorat nicht zu hoher Literatur. Er wird zu einem guten Schmachtfetzen, durch den man lesend hindurch gleitet und der hinterher ein wohliges Gefühl im Bauch hinterlässt. Ein Thriller wird zu einem nervenaufreibenden Leseerlebnis. So einen kauft man wieder, wenn das Bedürfnis getroffen war. Hier verbindet sich der »Kommerz« mit dem Lektorat. Genau wie Verlage wollen Selfpublisher Bücher verkaufen, und Leser von sich und ihrem Produkt überzeugen. Sie müssen professionell sein, dazu brauchen sie gute Ware. Also genau das, was ich als Leserin will.

Als Lektorin lasse ich mich immer wieder aufs Neue von Geschichten begeistern, ich sehe hinter jedem Text die Idee, versuche zu erkennen und benennen, was der Autor, die Autorin schaffen will. Einen exorbitant guten Text zu erschaffen ist wie ein Kunstwerk, eine Skulptur zu erarbeiten. Zuerst ist da ein Klumpen Ton, ein Stück Holz, ein Marmorblock. Bei der Bearbeitung geht es darum, das Kunstwerk sichtbar zu machen, die Proportionen richtig zu planen und zu setzen, die Feinheiten zu bearbeiten, immer wieder, bis aus dem Berg Marmor in mühevoller, schweißtreibender Arbeit der David entstanden ist. Als Lektorin ist es meine Aufgabe, die unebenen Stellen zu finden und das Werkzeug anzureichen. Damit das Buch es am Ende wert ist, gelesen zu werden.

Aus dem Blogartikel »Ich weigere mich.« spricht vieles, unter anderem Frust über die Branche. Selfpublishing ist ein hartes Geschäft, das Verlagsgeschäft nicht weniger. Doch was mich traurig stimmt für die Verfasserin des Artikels, ist, dass man kein bisschen Leidenschaft spürt. Im besten Fall, und nun darf ich als Autorin sprechen, findet man eine Lektorin, einen Lektor, die oder der Feuer fängt. Die leidenschaftlich daran arbeitet, mir zu zeigen, wie aus meinem Buch das beste Buch wird. Die mich aufbaut und antreibt, wenn es notwendig ist und die auch nach vielen Berufsjahren ein Glitzern in den Augen hat, wenn sie eine gute Geschichte sieht. Die die Liebe zu den Geschichten mit mir teilt. Daraus entstehen gute Bücher.

Natasa Dragnic, Autorin

Ich schreibe, seitdem ich schreiben kann. Seit dem ersten Gedicht, einem Vierzeiler, hatte ich einen Traum: Ich wollte ein Buch veröffentlichen, ein Buch im Buchladen haben. Ein Traum, der vierzig Jahre später wahrgeworden ist. Eine lange Wartezeit, in der andere Lebensmomente Priorität hatten. Aber ich wollte in einem Verlag, einem richtigen Verlag erscheinen. Eine andere Möglichkeit gab es für mich nicht.

Denn Selfpublishing kann jeder, buchstäblich jeder. Und ich wollte nicht jeder sein, noch nie, ich wollte ausgesucht werden. Denn ein Verlagsvertrag ist auch eine Art Bestätigung. Keine Garantie der Qualität – aber immerhin bedeutet eine Verlagsveröffentlichung, dass noch jemandem außer dem Autor selbst das Geschriebene gefallen hat; dass viele Fachleute sich darüber Gedanken gemacht und sich damit beschäftigt haben; dass das zukünftige Buch viele Kontrollinstanzen passiert ist, bevor es seinen Leser erreicht. Schreiben ist eine Kunst – das Lesen auch. Man braucht in beiden Fällen Talent und Selbstvertrauen. Und beide sind subjektiv. Nicht jedes Buch kann jedem gefallen. Muss auch nicht. Ich kann akzeptieren, dass mir ein Roman (die lese ich am liebsten) inhaltlich, thematisch oder stilistisch nicht gefällt, ist nicht nach meinem Geschmack. Das ist in Ordnung. Dennoch will ich sagen können: Er ist gut geschrieben, ordentlich, unauffällig – at least. Für mich heißt das, dass ich beim Lesen nicht lektorieren muss. Wenn das aber der Fall ist, dann werde ich böse, dann ärgere ich mich, fühle mich betrogen und meiner Zeit beraubt.

So.

2014 wurden in Deutschland mehr als 87000 Titel veröffentlicht – E-Bücher und Selfpublishing nicht gerechnet. Meines Erachtens viel zu viel. Wer soll das alles lesen! Da muss doch Qualität unter Quantität leiden! Und eine Perle geht in der Menge leicht verloren. Das Entstehen eines Buches ist sehr langwierig, sein Leben im Buchladen dagegen kürzer als bei einer Schnittblume. Meistens. Eben ist ein Buch erschienen, schon wird es von der nächsten Vorschau überschattet. Plötzlich wird nur noch auf die Titel, die noch gar nicht da sind, gewartet, die Leseexemplare der Publikumsverlage werden schon von den Auserwählten besprochen. Nach ein paar Monaten auf der Welt ist ein Buch schon zu alt und vergessen. Meistens. Auch wenn ich ein wenig übertreibe (und bei mir das glücklicherweise anders aussieht), stimmt das so. Im Ozean der Bücher muss man sich zu Recht finden können, man verirrt sich leicht auch bei ruhigem Wasser. Deswegen verlasse ich mich auf die Vorarbeit der Verlage, sie sind mein Kompass, und ich bin ihnen dankbar – auch wenn ich diese Arbeit öfter, als es mir lieb ist, als unzulänglich bezeichne. Oder deren Auswahl nicht nachvollziehen kann. Aber ich weiß, viele Menschen haben sich dabei etwas gedacht.

Nicht so beim Selbstpublishing. Kein Filter. Wie die erste Runde beim DSDS – jeder glaubt, er kann schreiben und hat das Recht, veröffentlicht zu werden. Kunst ist nicht demokratisch und soll keine Quoten kennen. Deswegen lese ich diese Bücher grundsätzlich nicht. Was nicht bedeutet, dass sie womöglich nicht gut sind, ungeschliffene Diamanten. Dass da keine Talente am Werk sind. Oder dass alle Verlagsautoren automatisch talentiert sind. Überhaupt nicht. Oder dass Verlage keine Fehler machen. Um Gottes Willen, Gide hat Proust abgelehnt! Also. Wenn ich ein Verleger wäre, würde ich mich schon mit selbstpublizierten Büchern beschäftigen, als eine mögliche Quelle auf meiner Suche nach neuen guten Autoren wahrnehmen. Ich bin aber kein Verleger. Ich bin Schriftstellerin und Leserin. Meine Zeit ist mir wertvoll. Ich bleibe bei Verlagsbüchern. Auch wenn das heißt, dass mir etwas Lesenswertes entgeht. Aber das tut es ja sowieso – aus universellem Zeitmangel eines begrenzten Menschenlebens kann ich auch nicht alle wunderbaren Verlagsbücher lesen. Damit muss man seinen Frieden schließen. Und anspruchsvoll bleiben.

Um es ganz klar und unmissverständlich zu sagen – auch wenn es eigentlich selbstverständlich sein sollte: Das ist ausschließlich meine persönliche subjektive Meinung, die keinen Anspruch auf Follower oder Folgetaten erhebt. Und nur weil ich nach ihr gefragt wurde, habe ich sie hier geäußert. Sonst hätte ich niemanden damit belästigt.

Susanne Pavlovic, Lektorin

Selfpublisher sind ja eine Spezies für sich. Ich darf das sagen, ich habe auch Bücher im Selfpublishing herausgebracht. Unter Selfpublishern werden oftmals Themen hitzig diskutiert, die im Rest der Branche so unumstritten sind, dass man nicht mal einen müden Halbsatz dafür übrig hätte. Die Notwendigkeit oder Überflüssigkeit von Lektorat ist so ein Thema, um das geradezu erbitterte Grabenkämpfe geführt werden.

Alle Dienstleister rund ums Selfpublishing geraten mal ins Kreuzfeuer. Dieses fällt aber, zumindest gefühlt, bei den Lektoren besonders heftig aus. Zwei Gründe hierfür: Zum einen geht es im Lektorat ans Eingemachte – da kommt jemand und greift in die ureigenste Kompetenzsphäre des Autors ein – in den Text. Das muss man erst mal verkraften können, und das meine ich überhaupt nicht ironisch: Es ist für jede/n Autor/in ein Schritt, jemand Anderen so dicht an den eigenen Text zu lassen. Zum anderen ist ein Lektorat schlicht teuer. Das Lektorat eines Romans kann leicht 40, 50 Arbeitsstunden umfassen und konkurriert im Budget dann direkt mit dem Jahresurlaub oder der neuen Waschmaschine. Und wenn es so richtig ans Eingemacht, sprich, ans Geld geht, kochen die Emotionen gerne mal hoch, das wissen wir alle.

Wie in eigentlich jeder Diskussion sind Extreme falsch. Weder gibt es eine Verpflichtung für Selfpublisher, eine/n Lektor/in zu beauftragen, und das sollte auch niemand fordern, noch steht es Selfpublishern gut zu Gesicht, einem renommierten und traditionsreichen Berufsstand die Daseinsberechtigung abzusprechen.

Wie in allen Diskussionen nimmt man natürlich auch in dieser die lautesten Diskutanten am ehesten wahr. In ihrem akustischen Windschatten gibt es viele hoch professionelle Selfpublisher, die, mal mit der Unterstützung von Lektoren und Layoutern, mal ohne, ihre Bücher erfolgreich im Markt platzieren. Meine Sorge ist, dass diese großartigen Autoren ein bisschen in Vergessenheit geraten und die Selfpublisher-Szene, von außen betrachtet, mit der Gruppe der Grabenkämpfer und Glaubensstreiter gleichgesetzt wird, die tatsächlich in so mancher Diskussion frappante Unkenntnis der Branche erkennen lassen: „Lektorat brauch ich nicht, ich korrigiere meine Fehler selber“, „Lektoren sind alles Abzocker“, „Warum soll ich jemanden dafür bezahlen, damit er mein Buch liest?“, „Lektoren bereichern sich doch nur an uns armen Autoren“, und so weiter. Glauben Sie mir, als Mitglied in diversen großen facebook-Gruppen bin ich leidgeprüft. Manches lasse ich unkommentiert stehen (Vollständigkeit wäre hier eine Lebensaufgabe), gelegentlich versuche ich, sachlich zu schlichten.

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Selfpublisher sich professionalisieren würden, tiefer in die Gesetzmäßigkeiten und Funktionsweisen einer Branche eintauchen würden, von der sie ein Teil sein möchten. Sie sollten einen sachlichen Standpunkt einnehmen und Meinung von Fakten trennen. Sie haben Außenwirkung, sie werden gelesen und von den „oldschool“-Kollegen wahrgenommen. Damit haben sie eine Verantwortung gegenüber ihrer Zunft, und sie sollten sich ihrer noch stärker bewusst werden.

Und sich entspannen. Vielleicht ist das mein größter Wunsch. Wir schreiben Bücher, das ist an sich fabelhaft und bereichert nicht nur unser Leben, sondern auch das unserer Leser, aber: Wir schreiben Bücher. Wir operieren nicht am offenen Herzen oder retten Kinder aus brennenden Häusern.

Werden wir gelassen und lernen wir, uns selbst nicht so fürchterlich ernst zu nehmen.


Und, wie seht ihr das? Brauchen wir das Lektorat überhaupt noch oder handelt es sich dabei um eine Textarbeit, die schon längst kein Qualitätskriterium mehr für ein gutes Buch ist?