Wir finden es unheimlich spannend, in die Bibliotheken und Lesezimmer von anderen Menschen zu schauen – ein Blick ins Bücherregal kann so vieles verraten. Deshalb wollen wir in loser Folge einen Blick auf die Bücherregale unserer Autoren und Mitarbeiter werfen: woher kommt eigentlich die Liebe zur Literatur, welche Bücher werden immer wieder zur Hand genommen, welche nie zu Ende gelesen? Den Anfang hat Richard Lorenz gemacht, nun folgt unsere Autorin Candy Bukowski – mit sehr überraschenden Antworten.

Bücherstapel Candy Bukowski 3

Ich darf und soll als Edelwild-Autorin hier im Edel Blog etwas über meine Liebe zu Büchern erzählen und ein paar Fotos meiner privaten Bibliothek zeigen… yeah, das dürfte möglicherweise für Überraschung sorgen, vielleicht sogar für Entsetzensrufe, aber kneifen gilt nicht, deshalb die ganze Wahrheit.

Das Unglaubliche vorab: Es gibt bei mir keine Regale mehr. Ja, so ist das. Ich bin gelernte Buchhändlerin, ich habe Jahrzehntelang Bücher wie eine Verrückte gesammelt. Ich war auch etliche Jahre Verlagsvertreterin. Das sind diejenigen in der Branche Buch, die kistenweise Bücher nach Hause geschickt bekommen. Ich besaß, wie es sich gehört, eine ganze wundervolle Bibliothek voller wundervoller Bücher. Eine mit zwei tiefen Ledersesseln, mit Regal an Regal an der Wand entlang und den Rest im Stapel vom Boden hoch. Ich besaß sogar die gesamte Welt in gut sieben Metern traumhaften Bildbänden, Rücken an Rücken vom Bucher Verlag. Ein Paradies für Büchermenschen. Es müssen Tonnen bedrucktes Papier gewesen sein, das über die Jahre in mein Leben gefunden hat.

Und: ich bin in dieser Zeit unzählige Male umgezogen. All die Tonnen wurden immer wieder geschleppt, bis es irgendwann völlig normal wurde Freunden und Bekannten anzubieten, doch einfach mitzunehmen was ihnen besonders gut gefällt. An dieser Stelle höre ich den Aufschrei. Bücher weggeben? Kann man das? Ja, das kann man tatsächlich. Ich bin ein Büchermensch aber ich habe irgendwann auch gemerkt, dass mir in meinem Leben diese Menge an gehortetem (!) Buch irgendwann Ballast wurde. 2012 habe ich nach fast 30 Jahren Horten die für viele Menschen unvorstellbare Konsequenz gezogen und fast alle meine Bücher verschenkt, sie kistenweise an soziale Einrichtungen gegeben. Das geht. Ich habe es getan und nicht eines davon vermisst. Dafür endlich wieder Weite in Wohn- und Lebensräumen gefunden. Verrückt, oder?

Ich halte mich noch immer wahnsinnig gerne bei Menschen mit vielen Büchern auf. Ich liebe es in ihre Regale zu schauen und alleine dadurch etwas über sie zu erfahren. Ich liebe die Haptik von Büchern, ich kann ganze Nachmittage in Buchhandlungen verbringen, mich durch die Menge an tollen Titeln schmöckern und ich kaufe natürlich auch Bücher. Aber nur ganz, ganz wenige dürfen bleiben wenn ich sie gelesen habe. Ich lasse sie im Zug liegen, ich lasse sie an Orten zurück wo sie ein anderer vielleicht findet und sich darüber freut, ich lasse sie einfach zurück und sie bleiben mir dennoch.

Bücherstapel Candy Bukowski

Schrankkoffer Candy Bukowski

In meinem Empfinden passt das durchaus gut zum Charakter Buch. Es erzählt seine Geschichte, wird geliebt und darf zum nächsten weiterziehen, der vielleicht eine andere Geschichte darin liest. Ein Stück seiner eigenen vielleicht. Ich glaube wir lesen in jedem Buch das uns gefällt ein Teil unserer eigenen Geschichte. Der realen, der ersehnten oder gefürchteten. Von dem was wir kennen oder was wir vermissen. Jedes Buch trägt tausende Geschichten in sich und jede einzelne ist für irgendeinen Leser wahr.

Man mag sich wundern oder mich dafür verteufeln, aber ich habe durch die Konsequenz Bücher wegzugeben eine völlig neue Freiheit im Umgang mit Buch gefunden. Eine die für mich richtig und stimmig ist, da ich mich prinzipiell leicht von Dingen trenne. Von Dingen, nicht von Erlebtem und Erfahrenen. Ich bin eine Gefühlsarchivarin, aber eben eine ohne Beweislast.

Wer mich besucht ist also oftmals enttäuscht, weil sich über mich nichts mehr aus Regalen ablesen lässt. In meinem Wohnzimmer steht ein alter, großer, weitgereister Schrankkoffer offen und aufrecht. Der ist mein “Bücherregal”. Inzwischen stapelt es sich wieder ein wenig um ihn herum und auch neben dem Bett finden sich immer eine Handvoll Bücher, aber das war es dann auch. Willkommen in der klitzekleinen Bibliothek von Candy Bukowski.

Bücherstapel Candy Bukowski 2

Womit fing alles an?

Ganz am Beginn standen für mich “Krabat”, “Die rote Zora” und “Die unendliche Geschichte”. Sie war die erste, die mich komplett weggetragen hat, wie vermutlich eine ganze Generation an Neulesern, die zwischen roter und grüner Schrift und den beiden Schlangen die sich gegenseitig in den Schwanz bissen, ihre Leidenschaft für Geschichten gefunden hat. Es folgten in logischer Konsequenz zunächst die Ravensburger Jeans Bücher für pubertierende Mädchen, gefolgt von Douglas Adams “Per Anhalter durch die Galaxis”, einer ganzer Menge Hesse aus der Schulbibliothek und schließlich – damals unglaublich hip – die ersten Frauenbuchreihen im Taschenbuch, Svende Merian und all dieses Zeug zur Idenditätsfindung, bevor die üblichen Klassiker gefressen wurden.

Ein Buch aus meinem Schrankkoffer, das ich abgebrochen habe

Etliche. Aber unvergesslich ganz weit vorne und mehrmals aufs Neue abgebrochen: James Joyce “Ulysses”. Das wird in diesem Leben leider nichts mehr mit uns. Schade eigentlich, ich würde es gerne begreifen.

Ein Buch aus meinem Schrankkoffer das ich bekommen aber nie gelesen habe

Prinzip Schrankkoffer: was nicht oder nicht nochmal gelesen wird muss gehen. Da fallen schändlicherweise manche Buchgeschenke darunter. Ein Freund hat mich kürzlich mal wieder mit seinen Lieblingskrimis versorgt. Das Genre Krimi/Thriller interessiert mich einfach nicht, erreicht mich nicht, ist auf Gegenseitigkeit verschenkte Zeit, also verschenke ich sie weiter. Und meine Mutter hat mich mit dem Titel “Mit 40 depressiv, mit 70 um die Welt” zwangsbeglückt. Was immer sie mir damit positiv mitteilen wollte, das Ding wurde postwendend entsorgt.

Bücher aus meinem Schrankkoffer, die ich immer wieder zur Hand nehme

und die deshalb auch für immer und ewig bleiben dürfen: Rilke, Fried, Kaleko, Domin, Auden. Lyrik ist für mich tatsächlich Quell des Denkens und Fühlens, aus dem immer wieder Neues entsteht. Aber auch Anette von Schrobsdorf “Du bist nicht wie andere Mütter ist ein Kultbuch für mich. Jeanette Walls: eine großartige Vertreterin moderner Literatur, die mich mit “Schloß aus Glas” ebenso tief erreicht wie mit “Ein ungezähmtes Leben”.

Völlig zerfleddert ist inzwischen “Nachtzug nach Lissabon”. Das war faszinierend: für mich ist dies ein Buch voller Emotionen. Voller Einsamkeit, Leidenschaft und der Liebe spannend auf die Schliche gekommen. Als ich Jahre später den Film im Kino sah, hatte ich den Eindruck ein völlig anderers Buch gelesen zu haben. Der ganze politische Anteil, die Revolution gegen die portugiesische Diktatur die im Film den Hauptteil einnimmt, hatte ich im Buch mehr oder minder überlesen.

Candy Bukowski Bücherregal

Wolfgang Borchert

Von Borchert besitze ich eine nummerierte, handschriftliche Rowohlt Ausgabe von “Nachts schlafen die Ratten doch”. Als Azubi vor über 30 Jahren gekauft und immer gehütet, bedeutet mir dieses Buch wirklich viel. Und nicht zu vergessen: alle Bücher mit Widmung werden niemals weggegeben. Wir sollten uns sowieso viel mehr Widmungen in die Bücher schreiben, die wir einander fürs Leben schenken. Denn auch wenn sich die Liebe zum Buch nicht notgedrungen an Regalmetern festmacht, die Geschichten aus ihnen die uns berühren, gehen niemals verloren.

Über die Autorin

Candy Bukowski (geb. 1967) bemerkte zu spät, dass sie gerne Dramaturgin geworden wäre. Weshalb sie in willkürlicher Reihenfolge Buchhändlerin, Verlagsvertreterin, freie Redakteurin, schmuddelfreie Erotik-Fachfrau ihres eigenen Magazins, Reiki-Lehrerin, Bloggerin und Autorin wurde. Heute lebt sie sturmerprobt, alleinerziehend, mehrfach liebend und weiterhin nur schwer in Schubladen passend in ihrer Wahlheimat Hamburg. Sie schreibt ebenso messerscharf wie literarisch unter ihrem Pseudonym, das ihr mittlerweile zur zweiten Haut geworden ist. Ihre Texte veröffentlicht sie auch auf ihrem Blog.